Amphorenweine – nostalgische Verklärung oder geniale Wiederentdeckung?

VINOA Wein Magazin // 21.04.2016 // Amphorenweine – nostalgische Verklärung oder geniale Wiederentdeckung?

Häufig hört man in letzter Zeit von sogenannten Amphorenweinen. Die Meinungen der Kritiker reichen von kalter Ablehnung bis zu Lobgesängen in den höchsten Tönen. Einige Spitzenrestaurants haben sie auf der Karte, andere lehnen sie strikt ab. Manche Winzer haben schon ihre komplette Produktion darauf umgestellt und viele andere experimentieren mit den großen Tongefäßen. Wir haben für euch das Phänomen einmal unter die Lupe genommen.

Amphore: Eine antike Methode wird wiedergeboren

Die Amphoren aus Ton waren in der Antike die verbreitetste Möglichkeit Wein und Öl, aber auch andere Flüssigkeiten aufzubewahren und zu transportieren. Für die Weinherstellung wurden besonders große Tongefäße verwendet, die meist aus Stabilitätsgründen in den Boden eingelassen wurden. Die ältesten archäologischen Funde von Amphoren für die Weinherstellung sind etwa 7000 Jahre alt und stammen aus dem heutigen Iran. Die Tradition, Wein in großen Tongefäßen, den “Quevri” oder "Qvevri", zu vergären, hat sich vor allem in Georgien bis heute erhalten.

In Westeuropa begann der neue Trend, als der italienische Starwinzer Josko Gravner im Jahr 2001 begann, die ersten Amphorenweine herzustellen. Seitdem hat sich das georgische Nischenprodukt trotz vieler Widerstände seinen festen Platz vor allem in der Riege der Bio-Weine erobert. Das Einlassen der Amphoren in den Boden erfüllt gleich einen doppelten Zweck: einerseits bleibt die Temperatur im Gefäß sehr konstant und andererseits kann durch den Ton nur wenig Sauerstoff eindringen. Häufig werden die Innenseiten der Amphoren noch zusätzlich mit Bienenwachs abgedichtet.

Aber nicht nur das Gefäß, sondern der ganze Vinifizierungsprozess unterscheidet sich deutlich von den verbreiteten, modernen Verfahren. Die Trauben werden angepresst und dann mitsamt Haut, Kernen und Fruchtfleisch in die Amphoren gefüllt. Die Maische gärt dann mehrere Wochen bis hin zu Monaten, bis der fertige Wein abgepresst und abgefüllt oder in Holzfässern weiter ausgebaut wird.

Antike Amphoren im Boden eingelassenIn den Boden eingelassene, antike Amphoren in einem Kloster in Georgien

Amphorenwein: Warum tun die Winzer das?

Vor allem bei Winzern, die Wert auf einen bio-dynamischen Weinbau legen, erfreut sich die Amphore großer Beliebtheit. Sie gilt als ein natürliches und ursprüngliches Gefäß für die Weinbereitung, weshalb der Wein – vor allem in Frankreich – zur Kategorie des “Vin Naturel” gezählt wird. Bei der Herstellung wird auf die Zugabe von Schwefel und weiteren Zusätzen meist verzichtet und die Vergärung erfolgt spontan – also ohne eine gezüchtete Hefe – mit den ganz natürlich in der Luft und an den Schalen der Weinbeeren vorhandenen, wilden Hefekulturen.

Es erfordert allerdings auch einiges an Erfahrung, wenn die gängigen Hilfsmittel aus der konventionellen Weinherstellung – etwa die Temperaturkontrolle oder die Schwefelung des Weins – nicht verwendet werden. Der Winzer muss sehr genau auf den Reifegrad der Beeren achten und sehr penibel verlesen. Und die Spontanvergärung ist eine heikle Angelegenheit, weil keine sicheren Vorhersagen über die heranwachsenden Hefekulturen möglich sind. Es können sich eventuell unerwünschte Mikroorganismen vermehren, die Fehlaromen erzeugen. Und da eine exakte Regelung der Gärtemperatur nicht möglich ist, können auch während der Gärung unerwünschte Prozesse ablaufen, die Einfluss auf die entstehenden Aromen haben.

Die Weinherstellung in Amphoren ist für viele Weinproduzenten in Deutschland und Westeuropa noch echtes Neuland. Viele Winzer sind deshab sehr vorsichtig und experimentieren mehrere Jahre, bevor sie ihre ersten Weine anbieten. In der Toskana vergären manche Weingüter nur einen Teil ihrer Ernte auf diese Weise und geben das Produkt zu konventionell erzeugten Cuveés, um sie weicher und trinkfreudiger zu machen. Andere, zum Beispiel in Österreich, setzen voll auf die Tongefäße und füllen direkt aus der Amphore ab.

Und wie schmeckt der antike Biowein?

Weine aus der Amphore unterscheiden sich geschmacklich deutlich von normalen Weinen und sind deshalb häufig eine sensorische Überraschung. Da der Wein sehr lange auf den festen Bestandteilen der Weinbeere steht, lösen sich besonders viele Gerb- und Farbstoffe, die dem Wein eine kräftige Farbe und Textur geben. Das fällt vor allem bei Weißweinen auf, die eine deutlich orange Farbe annehmen können. Geschmacklich sind sie wesentlich kräftiger als normale Weißweine und überraschen durch ebenjene Gerbstoffe, die normalerweise in Rotweinen zu schmecken sind. Dabei sind sie häufig ausgewogener und weicher als konventionelle Weine der selben Region. Häufig wird auch ein leicht oxidativer Charakter beschrieben. Der Grund dafür liegt möglicherweise in einer Mikrooxidation durch die Wand des Tongefäßes. Für Kenner ist der Amphorenwein häufig schwer einzuordnen. Bekannte Kriterien für die Bewertung greifen hier nicht, ein leichter oxidativer Geschmack ist hier nicht unbedingt ein Fehler, sondern gewollt. 

Was ist von Amphorenweinen zu halten?

Die Meinungen zu den Amphorenweinen gehen tatsächlich sehr weit auseinander. Ein so rebellisches Produkt polarisiert eben. Manche Kritiker bezeichnen sie als nostalgischen, gar esoterischen Humbug, der bloß eine schlechte Winzerarbeit überdecken soll. Auf der anderen Seite stehen Liebhaber, die viel Potential in der wiederentdeckten Keltertechnik sehen und die Produkte in hohen Tönen loben. Für sie beschreibt der Verzicht auf chemische Hilfsmittel in der Produktion ein ganzes Lebensgefühl, eine tiefere Verbundenheit mit der Erde auf der die Weine wachsen.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo in der Mitte. Gerade der experimentelle Charakter des Amphorenkelterns macht es so interessant, kann aber auch hin und wieder zu ungenießbaren Ausrutschern führen. Als Beitrag zur Vielfalt der Weinproduktion ist die Methode auf jeden Fall zu begrüßen und auch als Anteil einer Cuvée kann ein Amphorenwein sicherlich punkten.

Wo kann ich Amphorenweine kaufen?

Am besten bildest du dir selbst eine Meinung und nutzt die nächste Verkostungsgelegenheit. Versuche dich dabei auf den ungewöhnlichen Geschmack einzulassen, aber bleibe ruhig kritisch. Für einen gelungenen Einstieg bieten sich beispielsweise die Amphorenweine des Weinguts Ploder-Rosenberg an, die überwiegend hohe Auszeichnungen erhalten haben. Die traditionellen Georgier werden zum Beispiel durch den "Vinoterra" Kisi von Schuchmann ganz gut vertreten. Im Trentin produziert Elisabetta Foradori gleich drei erstklassige, biodynamische Weine aus der Amphore: den "Fontanasanta Nosiola", einen Weißwein aus der autochthonen Rebsorte Nosiola, den "Sgarzon", einen roten Toreldego, der 8 Monate in der Amphore gereift ist und den wesentlich kräftigeren "Morei", der ebenfalls aus der Toreldego-Traube gekeltert wird. Aus Österreich bietet sich der "Grüne Veltliner Qvevre 2013" vom Weingut Bernhard Ott an, der im Falstaff Guide 93 Punkte erreicht hat. Der Preis der Amphorenweine ist wegen der aufwendigen Herstellung grundsätzlich etwas höher und eine Flasche ist ab etwa 30€ erhältlich. 

Was hältst du davon?

Bei einem so kontrovers diskutierten Thema, kann man einfach nicht still bleiben. Also, was hältst du vom Amphoren-Trend? Hast du bereits einen Amphorenwein probiert und wie hat er dir gefallen? Wir freuen uns, deine Meinung zu hören!

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Bildquellen:

Titelbild: Shutterstock/serg_diebrova

Bild 1: flickr.com Adam Jones CC BY-SA 2.0 

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