Faszinierend polarisierend: das Phänomen Orange Wine

VINOA Wein Magazin // 03.10.2017 // Faszinierend polarisierend: das Phänomen Orange Wine

Gehasst, geliebt, gefeiert, verschrien – und dazu noch orange. Mit ein wenig Fantasie und bösem Willen ließe sich hier die ein oder andere Parallele zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ziehen. Denn auch der Orange Wine polarisiert, und wer ihn kennt, hat zumeist eine glasklare Meinung von ihm. Warum die trüb-orangene Wein-Spezialität jedoch vielmehr ein Anti-Trump der Weinwelt ist, was er an streitbaren Eigenschaften mitbringt und warum du ihn unbedingt mal zum Essen einladen solltest (den Wein natürlich), erzählen wir dir hier.  

Was ist Orange Wine eigentlich? Mit Orangen jedenfalls hat er nur wenig gemein. Stattdessen handelt es sich um maischevergorenen Weißwein. (Maische ist der dickflüssige Brei zerdrückter Trauben.) Dank des deutlich längeren Kontakts mit den Beerenschalen und Kernen – von einigen Tagen bis hin zu einigen Monaten – kann die Maische mehr Tannine und Farbe extrahieren, wodurch er sich in Aussehen und Geschmack erheblich vom Weißwein unterscheidet. Die Gärung findet dabei in Amphoren oder Holzfässern statt. Während die Maische für den Weißen schon nach wenigen Stunden zu Most verarbeitet wird, entsteht sein orangenes Pendant nach dem Verfahren der Rotwein-Produktion. Beim Orange Wine weilt somit im Körper eines Weißweins die kräftige Seele eines Rotweins – und erschafft dabei einen völlig neuen Weincharakter.   

Orange Wine wird aus weißen Trauben hergestellt.
Orange Wine wird ausschließlich aus weißen Trauben gewonnen.

Orange Wine vs. Naturwein

Haben sich die Orange Weine einmal im begrifflichen Repertoire verankert, ist man schnell geneigt, ihnen das ‚Naturwein’-Gewand überzustülpen. Bei Letzteren handelt es sich allerdings um Weine, die einer Philosophie gemäß produziert werden, welche sich auf Biodynamie im Weinberg gründet und jegliche Hinzugabe von Hilfsmitteln bzw. „Fremdkörpern“ untersagt. Natur pur also, oftmals sogar nach demeter-Standards. Die Orange Wine-Herstellung fußt dagegen auf einer Produktionsmethode (wie oben beschrieben) und muss nicht zwingend der Kategorie der Naturweine unterliegen. Hauptsache Weißweintrauben und Maischegärung sind Teil des Prozesses.

Dennoch ist die Assoziation mit Naturweinen nicht allzu verwerflich, da viele Winzer Wert darauflegen, ihren Orange Wine naturbelassen zu produzieren. In den meisten Fällen gibt sich die bernsteinfarbene Spezialität also als umweltbewusster Naturbursche – und damit können Vergleiche mit „The Donald“ wohl endgültig ad acta gelegt werden.     

Abenteurer vs. Traditionalisten

Im Zentrum eines von Ideologie und Vorurteilen beackerten Schlachtfeldes steht er nun, unser Orange Wine. Auf der einen Seite Verehrer, auf der anderen Seite Verächter. Dazwischen kaum jemand, der seiner Meinung über ihn einen Kompromiss abringen könnte. Wie kommt das? Die einen lieben ihn für das aromatische Abenteuer, das er mit sich bringt, für das geschmackliche Neuland und den „natürlichen“ Charakter, den die weißen Trauben zu entwickeln vermögen. Die anderen monieren, dass Rebsorte und Herkunft nicht mehr schmeckbar sind und die bekannten Charakteristika abhandenkommen. Zudem werden Vorwürfe der Unberechenbarkeit und Fehlerhaftigkeit laut, gefolgt von der Sorge, dass jene Winzer, die weiterhin „saubere“ Weine produzieren, als spießige Traditionalisten verschmäht werden. Wer hier nun Recht behält, liegt wie so oft im Auge des Betrachters bzw. am Gaumen des Genießers.

Wie schmeckt Orange Wine und wozu schmeckt er?

Wer den Geschmack der Orange Weine auf den Punkt genau bestimmen will, würde den individuellen Weinsorten zwangsläufig Unrecht tun, lässt sich doch genauso wenig exakt festlegen, wie Rot-, Weiß- oder Roséwein per se schmecken. Allerdings gibt es innerhalb der Kategorien gewisse Gemeinsamkeiten, so auch beim Orange Wine: Innerhalb seiner kräftigen Struktur finden sich oftmals Noten von Trockenfrüchten, eine komplexe Würzigkeit sowie Aromen von Nüssen, Sherry und Salz.

Wein-Laien und Gelegenheitstrinker fühlen sich von dem dichten, komplexen Geschmack schnell überfordert, lässt man sich jedoch offenen Herzens auf die zunächst befremdliche Aromenszenerie ein, gibt es einiges zu entdecken – insbesondere, wenn man sie als Speisebegleiter serviert. Hier sollte man exotisch denken: Currygerichte, die marokkanische und äthiopische Küche sowie koreanische und japanische Spezialitäten wissen Orange Weine hervorragend zu begleiten.   


Lecker! Asiatische Gerichte wie Lachs mit Reis und Teriyaki-Sauce sowie Gemüse und Udon-Nudeln passen hervorragend zu Orange Weinen.

Wir jedenfalls raten dir: Stürze dich wagemutig in die orangenen Fluten und bilde dir dein eigenes Urteil. Orange Weine sind definitiv einzigartig – und das ist dein Gaumen schließlich auch.

Titelbild: flickr.com H. Michael Miley CC BY-SA 2.0
Bild 1 im Text: unsplash.com Thomas Schaefer CC BY
Bild 2 im Text: flickr.com Alpha CC BY-SA 2.0

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