Interview: Andrea Freeborough, Kellermeisterin des Weinguts Nederburg in Südafrika (Teil 1)

VINOA Wein Magazin // 01.03.2017 // Interview: Andrea Freeborough, Kellermeisterin des Weinguts Nederburg in Südafrika (Teil 1)

Andrea Freeborough, Kellermeisterin bei Nederburg, war bei VINOA in Hamburg zu Besuch. Wir haben mit ihr über die Arbeit in einem der größten Weingüter Südafrikas gesprochen. Im ersten Teil geht es um historische Vorbilder, persönliche Motivation und die Fähigkeit, in einem Großkeller mit vollem Zeitplan die Ruhe für kreative Experimente zu bewahren.

Andrea Freeborough, Kellermeisterin im Weingut Nederburg Südafrika

VINOA: Hallo Andrea! Danke, dass du uns bei VINOA in Hamburg besuchst und dir die Zeit für ein Interview nimmst. Du arbeitest als Chief Winemaker – zu deutsch Kellermeisterin – bei Nederburg, einem der größten Weinproduzenten von Südafrika. Wie bist du auf die Idee gekommen, dass du ein Weinmensch, eine Kellermeisterin werden wolltest?

Andrea: Eigentlich wollte ich selbst Wein anbauen, wollte selbst im Weinberg arbeiten und nicht Kellermeisterin werden. Ich war ungefähr 13 Jahre alt, blätterte durch ein Magazin und sah Bilder von der Weinlese und von Menschen in den Weinbergen. Das hat mich tief beeindruckt. Da habe ich beschlossen mit Wein zu arbeiten. Ich glaube aber, dass mich in dem Alter niemand wirklich ernst genommen hat. Später war ich dann mit der Familie in Stellenbosch auf einer Weinfarm im Urlaub und habe den Entschluss gefasst, die Weinakademie in Stellenbosch zu besuchen. Und dann war alles klar.

VINOA: Du stammst also nicht, wie die meisten anderen in der Weinbranche, aus einer alten Winzerfamilie?

Andrea: Oh, nein! Ich bin in einer kleinen Stadt, East London, an der Ostküste von Südafrika aufgewachsen. Dort gibt es überhaupt keinen Weinbau, eher Milchkühe und Schafe. Die Gegend ist für Wein nicht geeignet. Aber ich glaube auch nicht, dass man in einem Weinbaugebiet aufwachsen muss, um gute Weine machen zu können. VINOA ist ja auch ein Beispiel dafür: Hier in Hamburg habt ihr keinen Weinanbau und trotzdem macht ihr einen tollen Job.

VINOA: Das stimmt allerdings! Warum hast du denn genau Nederburg als Arbeitgeber ausgewählt?

Andrea: Nederburg, das ist natürlich ein ganz großer Name mit einer grandiosen Reputation. Ich habe immer schon zu der Marke Nederburg aufgeblickt und vor allem auch zu den Menschen, die dort arbeiten. Das Weingut hat außerdem eine wundervolle Entstehungsgeschichte und das alles macht Nederburg für mich zu einem fantastischen Arbeitgeber.

VINOA: In der Recherche haben wir viel über die verschiedenen Menschen in der Historie von Nederburg gelesen. Welche historische Figur aus der reichhaltigen Geschichte des Weinguts ist dir am wichtigsten?

Andrea: Oh, es gibt so viele! Aber ich denke, die Person die mich am meisten beeindruckt hat, ist Günther Brözel. Er war derjenige, der Nederburg erstmals auf ein internationales Niveau gebracht hat. Vor allem im Sinne von internationalen Auszeichnungen und seiner Liebe fürs Detail. Einer unserer Weine, der "Motorcycle Marvel" ist nach ihm benannt, weil er immer mit seiner 1954er BSA von Weinberg zu Weinberg gefahren ist. Dieser Wein spiegelt seine Detailverliebtheit wider. Und die ist für uns heute noch extrem kritisch. Beim Weinmachen geht es nämlich um nur zwei Dinge: Die Grundlagen sauber zu meistern und dann die Details fein herauszuarbeiten.

Razvan Macici und Günter Brözel mit dessen legendärem Motorrad

Die früheren Kellermeister bei Nederburg: Razvan Macici und Günter Brözel, der "Motorcycle Marvel".

VINOA: Was ist dabei für euch die größte Herausforderung?

Andrea: Alles rechtzeitig zu schaffen, ist die größte Herausforderung. Wir müssen parallel 7 verschiedene Produktlinien mit vielen einzelnen Weinen bearbeiten. Jedes Jahr kommen dabei über 10 Millionen Flaschen heraus. Das Abfüllen, das Stabilisieren der Weine, das Cuvéetieren sind alles sehr zeitaufwändige Tätigkeiten. Teilweise arbeiten wir im 24-Stunden-Betrieb in mehreren Schichten. Und dabei dürfen wir natürlich die Details nicht aus den Augen verlieren.

VINOA: Wie bringt ihr diesen engen Zeitplan und das Auge fürs Detail unter einen Hut?

Andrea: Das geht nur, weil wir so ein starkes Team sind und jeder weiß, was er zu tun hat. Deshalb sind wir nicht an so strikte Zeitpläne gebunden wie: “Heute müssen wir dies und dann das und danach jenes tun.” Man muss experimentieren, wenn es passt und das gelingt uns ganz gut. Ich glaube das ist auch das Geheimnis unseres Erfolges, dass wir so reibungslos zusammenarbeiten. 

VINOA:  Mit über 10 Millionen Flaschen jedes Jahr gehört Nederburg zu den größten Weingütern in Südafrika. Welchen Effekt hat die Größe eines Weinguts auf die Qualität der Weinproduktion? Hat so ein großer Betrieb eher Vor- oder Nachteile?

Andrea: Ich glaube, dass uns das gewaltige Vorteile verschafft. Die Leute denken häufig, dass wir einen riesigen Weinkeller mit riesigen Tanks haben und dass wir deshalb nicht experimentieren würden. Aber das stimmt überhaupt nicht! Unser kleinster Tank fasst 560 Liter – ideal, um neue Variationen auszuprobieren. Wir haben sogar einen speziellen Keller, den "Auktionskeller", in dem wir kleine Chargen für die berühmte Nederburg Auktion ansetzen. Dort experimentieren wir ständig und versuchen aus unseren Toplagen immer noch mehr herauszuholen. Und wenn es einmal nicht hinhaut, uns ein Wein nicht ganz wie gedacht gelingt, dann ist das nicht schlimm. Wir sind nämlich in der Lage, den Wein in einer Cuveé wieder besser zur Geltung zu bringen. Das ist der ein Vorteil, den ein kleiner Produzent eben nicht hat.

VINOA: Das Experiment ist also ein wichtiger Teil deiner Arbeit. Kannst du uns schon etwas über kommende Innovationen verraten, an denen du arbeitest?

Andrea: Ja natürlich! Wir haben eine ganze Menge an Experimenten, die wir jedes Jahr vor der Erntesaison planen. Ich glaube zu den interessantesten Dingen gehört die Hyperoxidation von Rieslingmost. Riesling ist eine sehr aromatische Rebsorte, wie ihr hier in Deutschland natürlich am besten wisst. Wir hatten also einen Tank mit traditionell gekeltertem Riesling und einen, bei dem wir den Saft zuvor hyperoxidiert haben – das bedeutet, dass wir reinen Sauerstoff in die Maische eingedüst haben – und im Vergleich hatte der hyperoxidierte Riesling ein wirklich umwerfendes Aroma.. Der Wein ist fruchtiger und aromatischer geworden. Deshalb haben wir geplant, das gleiche im nächsten Jahr noch einmal bei einem Gewürztraminer oder etwas ähnlichem auszuprobieren. Vielleicht werden das auch irgendwann Kandidaten für die Nederburg Auktion.

VINOA: Was genau passiert beim Hyperoxidieren mit dem Most? Normalerweise ist Oxidation beim Wein doch ein Fehler, wie passt das zusammen?

Andrea: Die Oxidation des Mosts, also des Traubensaftes, dient dazu, Phenole aus dem Wein zu filtern. Diese Stoffe können später im fertigen Wein dafür sorgen, dass er braun wird und auch der Geschmack leidet. Das passiert dann genau durch die Oxidation, die du eben beschrieben hast. Wir erzwingen die Oxidation der Phenole durch die Hyperoxidation, wenn dadurch noch kein Schaden entsteht, also vor der Gärung. Zunächst machen die Phenole den Saft ganz braun, aber wenn wir ihn dann filtern ist er wieder sehr schön grün. Dadurch halten sich die Weine länger und auch das Aroma wird besser. 

Weingut Nederburg und Kellermeisterin Andrea Freeborough

Ein Teil des idyllisch gelegenen Weinguts Nederburg und Kellermeisterin Andrea Freeborough vor den Eichenfässern, in denen der Wein ausgebaut wird.

VINOA: Das klingt wirklich vielversprechend. Wir dürfen also auf euren 2017er Riesling gespannt sein. Du hast eben die Nederberg Auktion erwähnt, was ist das genau?

Andrea: Die Auktion ist ein zweitägiges Event, das einmal im Jahr stattfindet. Am Freitag beginnt der erste, der geschäftsmäßige Teil der Auktion. Da werden besonders hochwertige südafrikanische Weine versteigert, die man nicht direkt bei den Winzern kaufen kann. Am Samstag findet dann die Charity-Auktion statt, mit der wir Gelder für soziale Projekte hier in Südafrika sammeln. Das ist natürlich auch ein wichtiges Event, vor allem für die Weinhändler und die Winzer und es endet mit einem gemeinsamen, heiteren Mittagessen. Jedes Jahr kommen etwa 2000 Menschen zur Auktion.

VINOA: Welche Weine werden denn auf der Nederburg Auktion versteigert?

Andrea: Die Auktion ist für die gesamte südafrikanische Weinindustrie offen. Jedes Weingut kann sich für die Teilnahme bewerben. Dazu senden sie eine Probe ihres Weines ein, der gewissen Qualitätsansprüchen genügen muss. Eine Gruppe internationaler Experten verkostet dann alle Proben und wählt die besten Weine aus. Ein Wein muss also gewählt werden, um an der Auktion teilzunehmen. Auch, wenn es “Nederburg Auktion” heißt, bedeutet das nicht, dass unsere Weine automatisch an der Auktion teilnehmen. Wir müssen uns genauso darauf bewerben und denselben Auswahlprozess durchlaufen, wie alle anderen auch. Mit unserem Weinkeller hat die Auktion direkt auch nichts zu tun. Beides sind unabhängige Geschäftsbereiche.  

VINOA: Mit welchen Weinen nehmt ihr selbst an der Auktion teil?

Andrea: Ich glaube im letzten Jahr haben wir mit 13 oder 15 Weinen an der Auktion teilgenommen. Die Weine stellen wir ganz speziell für die Auktion her. Wir haben dabei also nur sehr kleine Mengen, aber ein hohes handwerkliches Niveau. Wenn wir beispielsweise finden, dass der Merlot nicht gut genug ist, dann füllen wir ihn für die Auktion auch nicht ab, sondern verwenden ihn für eine Cuvée. Das zeigt auch, dass die Weine für die Auktion unsere wertigste Kategorie darstellen.

VINOA: Wenn man diese Spitzenweine probieren möchte, kann es also ganz schön teuer werden. Welcher eurer Weine ist denn dein persönlicher Liebling?

Andrea: Mein absoluter Lieblingswein momentan ist der “Motorcycle Marvel”. Der 2014er Jahrgang ist wirklich fabelhaft und ich trinke ihn am liebsten zu einem saftigen Schweinebraten. Zu Hause kocht meistens mein Mann und sein Schweinebraten ist wirklich außergewöhnlich gut! Der ist auch zu ganz normalen Preisen verfügbar und nimmt nicht an der Auktion teil. Ein Wein, den man sehr gut auch im Alltag trinken kann.

Hier endet der erste Teil unseres spannenden Interviews mit Andrea Freeborough, der Kellermeisterin vom Weingut Nederburg in Südafrika. Hier geht es zum zweiten Teil, in dem wir den Einfluss der Geschlechter auf die Weinqualität diskutieren, etwas mehr über das Blending und den Weinbau bei Nederburg erfahren und Andrea ganz privat kennenlernen.

Hat dir der erste Teil unseres Interviews mit Andrea gefallen? Hast du selbst schon einmal einen Wein von Nederburg probiert? Teile diesen Artikel gern mit deinen Freunden und Bekannten oder hinterlasse uns einen Kommentar!

Bildquellen:

Alle Bilder wurden freundlichst vom Weingut Nederburg zur Verfügung gestellt.

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