Interview: Andrea Freeborough, Kellermeisterin des Weinguts Nederburg in Südafrika (Teil 2)

VINOA Wein Magazin // 16.03.2017 // Interview: Andrea Freeborough, Kellermeisterin des Weinguts Nederburg in Südafrika (Teil 2)

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir mit Andrea Freeborough, Kellermeisterin bei Nederburg, einem der größten Weingüter Südafrikas, über das Privatleben neben der Kellerarbeit. Sie erklärt uns außerdem die Bedeutung des Verschneidens von Weinen und diskutiert mit uns über den Einfluss der Geschlechter auf die Qualitäten eines Winemakers.

Andrea Freeborough, Kellermeisterin im Weingut Nederburg Südafrika

VINOA: Bisher haben wir vor allem über Experimente gesprochen, aber was ist eure Philosophie, wenn es um die Entwicklung der ganz normalen Weine geht? Orientiert ihr euch vor allem am Markt, also an den Bedürfnissen der Kunden und Kritiker? Oder folgt ihr mehr eurem eigenen Bauchgefühl und Geschmack?

Andrea: Es ist ein bisschen von beidem. Wenn ich einen leicht trinkbaren Wein produzieren möchte, dann achte ich sehr auf die Bedürfnisse der Kunden und bringe vor allem das hinein, was vielen Menschen schmeckt. Aber manchmal geht es auch um speziellere Weine, am oberen Ende der Qualitätsskala. Da bringe ich dann auch mehr ein, was mir und meinen Kollegen persönlich gefällt. Diese Weine haben dann eine deutlich persönlichere Ausprägung. Wir haben ein sehr großes Portfolio, sodass wir sowohl Weine im Angebot haben, die unseren normalen Kunden gefallen, aber eben auch ein paar speziellere Tropfen, die Weinkennern und Kritikern ein Lächeln entlocken.

VINOA: Wie viel von eurem Wein exportiert ihr? Liefert ihr auch viel Wein an südafrikanische Kunden?

Andrea: Oh ja! Südafrika ist für uns natürlich ein wichtiger Markt. Die genauen Zahlen kenne ich als Kellermeisterin nicht, aber ich glaube, dass wir ungefähr 55% unseres Weines in Südafrika verkaufen und die restlichen 45% in alle Welt exportieren. Vor allem nach Deutschland geht davon ein großer Teil.

VINOA: Wie tretet ihr mit euren Kunden außerhalb von Südafrika in Kontakt? Woher wisst ihr, was die Menschen in Deutschland im nächsten Jahr für Weine trinken möchten?

Andrea:  Wir haben natürlich Mitarbeiter an den wichtigsten Orten, die mit den Weinhändlern in engem Kontakt stehen. Dadurch wissen wir ziemlich genau, wonach den Weinkunden der Sinn steht, was ihnen gefällt und was nicht. Aber gleichzeitig schauen wir auch, was bei den Kritikern oder eben auch bei Plattformen wie VINOA passiert. Südafrika ist im Online-Geschäft ehrlich gesagt noch etwas zurückhaltend. Aber ich glaube, dass es da auch sehr viel Potential gibt.

VINOA: Verbringst du mehr Zeit im Weinkeller oder eher auf Reisen bei der Vermarktung der Weine?

Andrea: Definitiv im Weinkeller! Ich reise natürlich auch sehr viel, um beurteilen zu können, wie sich die Nachfrage entwickelt und was die Konkurrenz so treibt. Aber meine Hauptaufgabe ist natürlich die Arbeit im Weinkeller an den Weinen. Vor allem die Erntesaison ist natürlich eine kritische Zeit für uns und dann reisen wir gar nicht, sondern sind durchgehend mit der Kelter beschäftigt.

VINOA: Als Kellermeisterin endet deine Arbeit wahrscheinlich nicht kurz nach der Ernte. Wie wichtig ist das Blending für euch, also das Verschneiden verschiedener Rebsorten zu ausbalancierten Cuvées?

Andrea: Extrem! Und das ist auch meine Lieblingsaufgabe. Wir haben so ein großes Volumen und so viele verschiedene Basisweine, dass es fast einen ganzen Tag dauern kann, alle überhaupt zu probieren. Die faszinierendste Aufgabe ist es dann für mich, aus all diesen einzelnen Bestandteilen eine wirklich perfekte Cuvée herzustellen.

VINOA: Du hast das Weinmachen ja erst an der Hochschule gelernt und nicht wie viele andere bereits in jungen Jahren im Familienbetrieb. Wie kann man das Verschneiden, das Blending von Wein lernen? Das hat doch viel mit schmecken und riechen und ausprobieren zu tun.

Andrea: An der Hochschule geht es mehr darum, theoretisches Wissen zu vermitteln. Es ist aber auch Teil der Kurse, Kellerarbeit zu machen. Also in der Praxis genau das auszuprobieren und zu üben, was ich jetzt mache. Ich habe beispielsweise eine ganze Erntesaison in einem Weinkeller mitgearbeitet. Heute verlangt man von den Studenten mindestens sechs Monate für Praxiseinsätze zu verwenden. Das heißt aber immer noch nicht, dass man beim Berufsstart der beste Weinverkoster ist. Als ich anfing konnte ich viele Dinge, wie Feigen oder grünen Pfeffer beispielsweise, nicht herausschmecken. Aber alles kommt mit der Erfahrung und man lernt jeden Tag etwas dazu.

VINOA: Welches deiner Kellerprojekte ist dir am wichtigsten?

Andrea: Oh das ist sehr schwierig. Ich denke, im Moment begeistern mich unsere “Heritage Heroes” am meisten (The Young Airhawk, Motorcycle Marvel, Beautiful Lady). Das ist eine aufregende Weinlinie mit so viel Kraft und Vielfalt. Und was auch noch dazukommt ist, dass hinter jedem Wein eine Geschichte steckt. Das ist glaube ich gerade heute, wo die Supermarktregale voll sind mit einer Vielzahl von guten Weinen, extrem wichtig. Wir erzählen mit den Heritage Heroes nicht nur die Geschichte eines Produktes, sondern die von echten Menschen. Außerdem liegen mir unsere Ingenuity Weine sehr am Herzen. Ich würde das unsere “No Rules Linie” nennen, weil wir da Rebsorten miteinander verschneiden, die es sonst nirgendwo in diesen Kombinationen gibt. Ein Beispiel ist da unser “Ingenuity Red Blend” aus Sangiovese, Barbera und Nebbiolo. Diese Zusammenstellung der Trauben wäre in Italien einfach nicht erlaubt. Uns hält das aber nicht zurück und so können wir wirklich über Grenzen gehen. 

Das Kellerteam von Nederburg ist weiblich dominiert. Nach dem Geschlecht wird hier aber niemand ausgewählt, es zählen allein die Fähigkeiten.

Das Kellerteam von Nederburg ist weiblich dominiert. Nach dem Geschlecht wird hier aber kein Mitarbeiter ausgewählt, es zählen allein die Fähigkeiten und die Persönlichkeit.

VINOA: Wie arbeitet ihr bei Nederburg zusammen? Triffst du allein die Entscheidungen im Keller?

Andrea: Nein, nein. Wir funktionieren wirklich als ein Team. Und ich halte das für sehr wichtig. Wir haben eine sehr angenehme Stimmung im Büro. Vor Ort in Stellenbosch arbeiten ungefähr 100 Mitarbeitern, aber im Keller sind wir dann nur 5 Personen. Ich habe einen Rotweinwinzer mit seinem Assistenten und eine Weißweinwinzerin mit ihrer Assistentin und wenn wir Cuvées herstellen, dann ist immer das ganze Team involviert. Es gibt bei uns keine One-Man-Show. Jeder von uns trägt unterschiedliche Eigenschaften zum Team bei. Für die Leute oben im Büro ist das manchmal wahrscheinlich ein bisschen komisch, weil wir im Keller wirklich sehr viel Spaß zusammen haben. Oben hören sie dann immer nur unser Gelächter und denken vielleicht, dass wir gar nicht richtig arbeiten. Wir haben wirklich ein tolles junges Team und das macht die Arbeit zu einem absoluten Vergnügen.

VINOA: Wie alt ist euer Team und arbeiten bei euch mehr Männer oder mehr Frauen?

Andrea: Mein Kellerteam ist tatsächlich sehr jung. Ich bin die Älteste und dann kommen meine Chefwinzer, die beide Mitte 30 sind. Ihre Assistenten sind noch jünger, eher so Mitte 20. Außerdem sind wir bei uns weiblich dominiert! Im Weißweinteam arbeiten wirklich nur Frauen, wenn alle da sind steht es also 3:2. Wir stellen bei uns aber nicht gezielt nach Geschlechtern ein, wir haben einfach nur die besten Persönlichkeiten für diese Arbeit gesucht. So ist unser Team entstanden und funktioniert sehr gut.

VINOA:  Hat das Geschlecht des Winzers einen Einfluss auf den Wein?

Andrea: Ich höre die Frage sehr oft und weiß nie so genau, wie ich sie beantworten soll. Das liegt glaube ich daran, dass sie an der Realität vorbeigeht. Es geht weniger um das Geschlecht, als um die Persönlichkeit des Winzers. Es geht um das, was die Person antreibt und begeistert. Die beiden Frauen in meinem Weißwein Team legen wirklich sehr viel Wert auf die Details, ich glaube aber, wenn es zwei Männer wären, könnte der Wein genauso gut werden. Jeder einzelne hat verschiedene Vorzüge und bringt verschiedene Fähigkeiten ins Team ein und ich glaube das ist keine Geschlechterfrage. Es sind die Persönlichkeiten, die zählen.

Helge und Luca vom VINOA Team zusammen mit Andrea auf einem kleinen Stadtbummel durch Hamburg. Das Wetter war natürlich gastfreundlich wie immer.

Helge und Luca von VINOA zusammen mit Andrea auf einem kleinen Stadtbummel durch Hamburg. Das Wetter war natürlich gastfreundlich wie immer.

VINOA: Was tust du in deiner Freizeit?

Andrea: Ich habe fast keine Freizeit (Andrea lacht herzlich). Aber, wenn doch mal ein wenig Zeit ist, dann lese ich wirklich gerne. Und natürlich verbringe ich die Zeit mit meiner Familie. Mit meinem Mann und meinen beiden Kindern spiele ich dann Tennis und manchmal auch Hockey. Und wenn sich wirklich mal die Gelegenheit bietet, dann gehen wir Campen, meistens mit einer großen Gruppe von Freunden. Meine Freizeit ist schon recht hektisch, weil ich viele Freunde habe, die ich an den Wochenenden natürlich besuchen möchte, aber das ist es auf jeden Fall wert.

VINOA: Gehen deine Kinder später auch in das Weingeschäft?

Andrea: Nein! Sie sind noch viel zu jung. Meine Tochter ist 13 und mein Sohn 10 Jahre alt. Die haben noch ganz andere Interessen. Wobei meine Tochter schon ein wenig interessiert ist, sie kann ein paar Rebsorten wie Cabernet Sauvignon und Chenin Blanc richtig französisch aussprechen und weiß auch schon welche weiß und welche rot sind. Also ich bin gespannt, was sich daraus entwickelt. Wir werden sehen. Ich werde sie aber auf keinen Fall zwingen.

Liebe Andrea, hab vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen. Wir haben heute viel gelernt und hoffen, dich einmal in Paarl besuchen zu können!

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Bildquellen:

Alle Bilder wurden freundlichst vom Weingut Nederburg zur Verfügung gestellt.

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