Weinland Ungarn: Ein Paradies erwacht aus dem Dornröschenschlaf

VINOA Wein Magazin // 04.08.2016 // Weinland Ungarn: Ein Paradies erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Es ist kaum 100 Jahre her, da war Ungarn Europas wichtigster Weinproduzent. Adlige, Industrielle und alle, die es sich leisten konnten, genossen die zahlreichen, exquisiten Weine aus der Donau-Nation. Für viele Winzer in den Weinbaugebiete anderer europäischer Länder waren die Weine Ungarns Vorbild und so mancher versuchte, seine Weine mit dem Aufdruck "Tokaji" auf den Flaschen etwas aufzuwerten. Das Tokaj war damals die wichtigste Weinbauregion Ungarns, berühmt für die hochwertigen, weißen Süßweine, die "Tokajer". Doch der unbarmherzige Verlauf der Geschichte machte dem ganzen ein vorläufiges Ende: zunächst zerstörte die europaweite Reblausplage in den 1880er Jahren auch in Ungarn viele Weinberge, dann folgten zwei Weltkriege und 40 Jahre kommunistischer Planwirtschaft – über Qualitätsweine konnte und wollte man eine ganze Weile nicht nachdenken. Doch dank einer tief in der Gesellschaft verwurzelten Weinbautradition und einer großen Zahl an enthusiastischen, jungen Winzern, konnte sich Ungarn als Weinland seit der Jahrtausendwende wieder deutlich erholen. 

Von Tod und Wiedergeburt einer Weinnation

Insgesamt bieten die Hügellandschaften und die fruchtbaren, häufig vulkanischen Böden Ungarns sehr gute Bedingungen für den Weinanbau. Ungarn liegt in den selben Breitengraden wie z.B. Frankreichs beste Weinbaugebiete und die Binnenlage sorgt für ein relativ trockenes Kontinentalklima mit kalten Wintern und heißen Sommern. In der ungarischen Gesellschaft spielt Wein deshalb auch seit jeher eine wichtige Rolle, in allen sozialen Schichten wird viel Wein konsumiert. Immer wieder waren es Weine aus Ungarn, mit denen es sich Adlige aus ganz Europa gut gehen ließen. Prominente Namen wie Katharina die Große, Ludwig XIV. und Joseph Haydn sind unter den Anhängern zu finden. Sogar als die Osmanen große Teile Ungarns besetzt hielten, ließen sie den Weinbau weiterhin zu – so groß waren die Einnahmen aus dem Weingeschäft. Später in der Planwirtschaft der Sowjetunion ging es in den staatlichen Weingütern allerdings weniger um Qualität, denn um Quantität. Vor allem die UDSSR musst mit großen Mengen von Wein versorgt werden und so blieb kein Platz mehr für eine eigenständige, hochwertige Produktion.

Ungarn hat eine lange und noble Tradition als Weinnation – davon zeugen auch heute noch zahlreiche Weinkeller, die viele Städte unterirdisch wie Labyrinthe durchziehen

Heute bietet Ungarn mit einer Vielfalt an eigenen Rebsorten und ganzen 22 Anbauregionen eine ganze Menge Weine, die es sich zu probieren lohnt. Um einen ersten Überblick zu bekommen, sollte man sich auf die wichtigsten vier Regionen konzentrieren. Das Tokaj, berühmt für seine Süßweine, liegt ganz im Nordosten des Landes und war eine der ersten Regionen der Welt, die mit einer geschützten Ursprungsbezeichnung gegen Plagiate geschützt wurden. Nur ein kleines Stück weiter westlich liegt die Weinbauregion Eger, möglicherweise einer der Ursprungsorte des Weinbaus überhaupt. Im wärmeren Süden in Richtung Serbien werden auf vulkanischen Böden die Weine des Anbaugebiets Szekszárd angebaut. Und ganz im Süden an der Grenze zu Kroatien werden in Villány sogar überwiegend Rotweine produziert.

Es lohnt sich durchaus bei den einzelnen Regionen etwas genauer hinzuschauen. Deshalb stellen wir die vier wichtigsten Regionen im Detail vor – zusammen mit den jeweils interessantesten Weinen.

Tokaj – der süße Norden

Es war vor allem der Aszú-Tokajer, der zu Ungarns Ruhm in der Weinwelt des 19. Jahrhunderts beigetragen hat. Dabei handelt es sich um Weißweine, die aus den Rebsorten Furmint, Hárslevelü, Kabar, Kövérszölö, Zéta und Sárgamuskotály gekeltert werden. Das feuchte Klima in den Flusstälern sorgt dafür, dass die Trauben von einem Edelschimmelpilz befallen werden, dem sogenannten Botrytis oder Grauschimmelpilz. Wandert die Sonne dann im Laufe das Tages über den Zenit, trocknen die Trauben wieder ab. Durch diesen wiederkehrenden Prozess vertrocknen die Weinbeeren langsam und werden immer süßer. Diese Aszú-Trauben werden den übrigen Trauben hinzugegeben, um den Zuckergehalt des Weins zu erhöhen. Der Anteil dieser Trauben am Wein wird mit 3 bis 6 Puttonyos – also Körben angegeben. Ein Wein heißt also beispielsweise "Tokaji Aszú 6 Puttonyos". Das Aroma wird von kandierten Früchten, Aprikosen und Madarinen mit Noten von Nelken und Zimt dominiert. Dazu passen reife Weichkäse aber auch beispielsweise ein Stück Zitronentarte. 

Eine ganz besondere Spezialität ist der Eszencia, für den ausschließlich der Saft der Aszú-Trauben verwendet wird. Dieser hat einen derart hohen Zuckergehalt, dass die Gärung mehrere Jahre dauern kann und der Alkoholgehalt trotzdem nicht über 3% ansteigt. Ein Tokaji Eszencia hat eine beinahe sirupartige Konsistenz, weshalb er häufig auf einem Esslöffel serviert wird. Das Geschmacksprofil ist ähnlich wie beim Tokaji Aszú, es kommen aber noch mandelartige Aromen dazu. Wegen des hohen Zuckergehaltes kann er für beinahe unbegrenzte Zeit (+200 Jahre) gelagert werden. 

In der Region werden aber nicht nur Süßweine hergestellt, es gibt auch ganz herrliche, trockene Weißweine, überwiegend aus der Rebsorte Furmint. Sie beeindrucken mit Struktur und Mineralität und haben je nach Lage und Weingut Ähnlichkeiten mit einem spritzigen Grünen Veltliner, einem halbtrockenen Riesling oder einem geschmeidigen Chardonnay. Das Aroma des Furmint ist häufig von Äpfeln dominiert und eine lebendig-frische Säure rundet den Wein ab.

Besonders die Tokajer Süßweine haben eine sehr lange Lagerfähigkeit. So manche Flasche "Eszencia" ist sogar nach 200 Jahren noch trinkbar.

Eger – Das Blut der Stiere

Etwa 100 Kilometer nordöstlich von Budapest liegt das Weinbaugebiet Eger mit seinen fruchtbaren Böden aus Vulkangestein und Humus aus früheren Wäldern. Auf den Hügeln der Gegend wachsen auch viel wilde Reben, sodass es kaum verwundert, dass Forscher hier Fossilien von über 30 Millionen Jahre alten Weinpflanzen gefunden haben. Zwei besonders zu empfehlende Weinsorten sind typisch für diese Region: das Rotweincuvée Bikavér (was so viel bedeutet wie Stierblut) und der Weißwein Egri Csillag ("Der Stern von Eger"). 

Als Flaggschiff der Region weiß der Egri Bikavér natürlich auch mit einer ordentlichen Legende aufzuwarten. Als die Osmanen die Region Eger erobern wollten, schickten sie zunächst einige Späher vor. Als diese die vom Wein rotgefärbten Bärte und das wilde Gebahren der Soldaten aus Eger sahen, die sich gerade Mut für den Kampf angetrunken hatten, dachten sie, die Soldaten hätten das Blut von Stieren getrunken, um sich deren Kräfte anzueignen. Aus Furcht zogen sich die osmanischen Soldaten zurück. Ob an der Legende nun etwas dran ist, oder nicht: Der Bikavér ist dennoch ein rassiger, vollmundiger Rotwein, tanninreich und mit einer ausgewogenen Säure. Die Aromen gehen in Richtung von dunklen Waldbeeren. 

Auch Weißwein können die Egeraner. Der Egri Csillag ist ein sehr aromatischer Weißwein, der nach weißen Blüten und tropischen Früchten duftet. Im Mund treffen Ananas, Zitrus und Lychee mit Mandel zusammen und bilden eine pritzige Säure. Für die Herstellung dieses himmlischen Tropfens müssen mindestens 50% heimische Rebsorten, wie Leányka, Királyleányka oder Furmint und wenigstens 4 verschiedene Rebsorten verwendet werden.

Weinlese in der Weinbauregion Eger, Ungarn

Weinlese in der Weinbauregion Eger

Villány – Eine neue Heimat für den Cabernet Franc

Dank der Nähe des Mittelmeeres und der südlichen Lage, ist Villány ein geradezu mediterranes Anbaugebiet und damit ideal für Rotweine. Hier gedeihen auch internationale Rebsorten wie Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot sehr gut. So gut sogar, dass um die Jahrtausendwende zahlreiche Kritiker behaupteten, der Cabernet Franc hätte in Villány eine neue Heimat gefunden. Weine aus dieser Region sind häufig Cuvées der eben genannten Rebsorten, aber auch heimische wie der Kékfrankos oder der blaue Portugieser werden verwendet. Die Weine sind häufig von einer feinen Würze und haben rauchig-mineralische Noten, die von Roten Beeren, Kirschen abgerundet werden.

Szekszárd – Die Wahrheit über das Stierblut

Die Region Szekszárd liegt ebenfalls im Süden Ungarns, wenn auch das Klima nicht ganz so mediterran ist wie in Villány. Es werden überwiegend Rotweine produziert. Die bedeutendste Rebsorte ist Kadarka, die auch einen wichtigen Bestandteil des wichtigsten Rotweincuvées der Region, des Szekszárdi Bikáver darstellt. Wer gut aufgepasst hat, wird sich erinnern, dass Bikáver "Stierblut" bedeutet und ebenfalls eine Spezialität in Eger ist. Wie der Lauf der Dinge nun manchmal so ist, wurde die Legende von den Stierblut trinkenden Soldaten in Eger vom Dichter Géza Gárdonyi im Jahre 1899 völlig frei erfunden. Nicht einmal den Stierblut-Wein kannte man zu der Zeit in Eger. In Szekszárd ist er allerdings von altersher für jederman ein Begriff. Die Basis für diesen kräftigen Rotwein bildet meist die Kadarkatraube, häufig zusammen mit Kékfrankos und anderen roten Rebsorten, wie Cabernet Franc. 

Noch mehr Interessantes über Ungarn

Was gibt es noch interessantes über das Weinland Ungarn zu wissen? In der überwiegenden Mehrzahl der europäischen Länder haben die Wörter für "Wein" denselben Ursprung. "Vino", "vin", "wine", "wijn" – alle Worte für Wein klingen irgendwie ähnlich. Aber in Ungarn sagt man "Bor" – das Wort geht auf das Persische zurück und ist damit einzigartig in Europa. Interessant ist auch, dass für die ungarischen Weine häufig Holzfässer aus dem Holz der ungarischen Eiche verwendet werden. Dieses Holz bringt noch einmal deutlich delikatere Noten in den Wein, als die französische oder amerikanische Eiche. Mittlerweile wird deshalb auch in Westeuropa und den USA mehr und mehr ungarische Eiche für den Ausbau von Spitzenweinen verwendet. 

Neben den beschriebenen Regionen, haben aber auch die anderen Weinbaugebiete Ungarns wirklich gute Weine zu bieten. Grundsätzlich gilt aber der Rat, nicht nach den allergünstigsten Weinen zu greifen, da ein Teil der Massenweine noch immer nach den Prinzipien der sowjetischen Planwirtschaft hergestellt wird. Wir raten daher im Zweifel einen guten Weinhändler zu Rate zu ziehen.

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